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Leben

16.7.1944

Jörg Christian Fauser in Bad Schwalbach/Taunus geboren; Vater Maler [1], Mutter Schauspielerin

50er Jahre

1951-55

Mitwirkung in Hörfunk- und Fernsehproduktionen des Hessischen Rundfunks.

1959-60

Erste journalistische Beiträge (Frankfurter Neue Presse).

60er Jahre

Sommer 1963

Aufenthalt in London; beginnt Mitarbeit bei den Frankfurter Heften.

23.6.1964

Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer.

Juli 1964

In London; Kontakt mit britischen und spanischen Anarchisten; erste Gedichtveröffentlichung (»An London«, Frankfurter Hefte); erste Erfahrungen mit Heroin und synthetischen Opiaten.

März 1965

Abitur am Lessing Gymnasium, Frankfurt. Reisen nach Spanien und England.

Mai 1965

Immatrikuliert sich an der J.W.v. Goethe-Universität, Frankfurt (Ethnologie und Anglistik).

August-Oktober 1965

In Watford/Hertfordshire bei einer englischen Freundin (siehe »Junk City I«); arbeitet als Pfleger in einem Siechenheim in London ( - schreibt darüber einen Bericht, der im Mai 1966 vom Hessischen Rundfunk gesendet wird).

März/April 1966

Griechenland und Türkei

August 1966

Aufenthalt in Dublin.

Oktober 1966

Bricht Studium ab; tritt Ersatzdienst an (Bethanien-Krankenhaus, Heidelberg); wird drogenabhängig.

Januar/Februar 1967

Unterbricht Ersatzdienst und hält sich sechs Wochen in Istanbul auf.

Herbst 1967

Verläßt vorzeitig den Ersatzdienst und setzt sich nach Istanbul ab, wo er im Junkie-Viertel Tophane lebt.

Herbst 1968

Rückkehr nach Frankfurt; Übersiedlung nach Berlin (Linkeck-Kommune).

April 1969

Beginnt in Göttingen mit der Arbeit an seinem ersten Buch, »Tophane«, das er im Februar 1970 beendet.

70er Jahre

Oktober/November 1970

Aufenthalt in Istanbul und Izmir.

Dezember 1970

Recherchiert in Hamburg und Berlin für eine Reportage über das Drogenproblem, die unter dem Titel »Junk - Die harten Drogen« im März 1971 in der Zeitschrift twen erscheint.

Mai 1971

In Frankfurt; verantwortlicher Redakteur der Underground-Zeitung Zoom; die Herausgeber (Besitzer der gleichnamigen Diskothek, die Probleme mit dem Rauschgiftdezernat hat) verhindern die Auslieferung der Nr. 2 (Juni).

Juni-Oktober 1971

Gibt mit J.Ploog [2], C.Weissner [3] und Udo Breger [4] die Underground-Zeitung UFO heraus; veröffentlicht im Verlag Udo Breger (Göttingen) das Pamphlet »Aqualunge« (Textmontagen; Fortsetzung von »Tophane«).

1972

Kommt von harten Drogen los; »Tophane« erscheint im August im Maro Verlag.

April 1973

Gründet mit J.Ploog und C.Weissner die Literaturzeitschrift Gasolin 23 [5] [6].

September 1973

Der Gedichtband »Die Harry Gelb Story« erscheint im Maro Verlag.

Mai 1974

Wird freier Mitarbeiter der Basler National-Zeitung (ab 1977: Basler Zeitung), für die er bis Ende 1979 Reisefeuilletons, Essays und Rezensionen schreibt.

Herbst 1974

Zieht nach München.

Dezember 1974

Erstes Hörspiel (»Café Nirwana«), Westdeutscher Rundfunk.

1975

Organisiert Ausstellungen für die Galerie Kröker, München. Juli: Aufenthalt in Marokko.

1976

Eintritt in den Schriftstellerverband (VS).

Mai-Juni: USA, zu Dreharbeiten für den Film »C'est la vie Rose« von Hans-Christof Stenzel [7]; Besuch bei Charles Bukowski [8][9] in Los Angeles.

Januar/Februar 1977

Übersetzt die James-Dean-Biograhie von John Howlett für den Verlag Monika Nüchtern, München.

Juli 1977

Los Angeles; Playboy-Interview mit Charles Bukowski (erscheint in Playboy 12/1977)

Dezember 1977-Januar 1978

Übersetzt Joan Baez' Autobiographie »Daybreak« für den Verlag Zweitausendeins; schreibt anschließend Marlon-Brando-Biographie für den Verlag Monika Nüchtern.

Herbst 1978

»Der Strand der Städte« (Zeitungsartikel und Radioessays 1975-1977) erscheint im Verlag Eduard Jakobsohn, Berlin.

August 1978-Februar 1979

Arbeitet an einem Drehbuch für den Regisseur Florian Furtwängler [10](»Ein Spiel zuviel«, über Glücksspiel; nicht realisiert).

März 1979

Der Gedichtband »Trotzki, Goethe und das Glück« erscheint im Verlag Rogner&Bernhard, München. Schreibt erste Songtexte für den Rocksänger Achim Reichel [11] [12]; erste Beiträge für das Tip-Magazin, Berlin.

September 1979

»Alles wird gut« (Erzählung) erscheint bei Rogner&Bernhard.

Oktober 1979

Beginnt mit der Arbeit an dem Roman »Der Schneemann«; erste Beiträge für die Zeitschrift lui.

80er Jahre

Januar 1980

Erste Kolumne (unter Pseudonym »Caliban«) für das Tip-Magazin.

März 1980

Amsterdam und Ostende; Recherchen für »Der Schneemann«.

Januar 1981

Umzug nach Berlin; arbeitet als Redakteur und Kolumnist beim Tip-Magazin.

März 1981

»Der Schneemann« erscheint bei Rogner&Bernhard. Austritt aus dem Schriftstellerverband.

Frühjahr 1982

Begleitet Achim Reichel und Band auf einer Tournee durch die Bundesrepublik; schreibt darüber eine Reportage für die Zeitschrift TransAtlantik.

Juli 1982

Paros/Griechenland; schreibt die ersten Kapitel des Romans »Rohstoff«. Gesammelte Erzählungen aus sieben Jahren erscheinen unter dem Titel »Mann und Maus« bei Rogner&Bernhard.

Januar 1983

Schreibt (unter eigenem Namen) die Kolumne »Wie es euch gefällt« im Tip-Magazin (bis Juni 1984).

1984

Die Essay-Sammlung »Blues für Blondinen« und der Roman »Rohstoff« erscheinen im Ullstein Verlag; März-April: Lesereise mit »Rohstoff«; Bericht darüber in der Literaturzeitschrift Litfass. 26. September: Stellt sich in der Sendung »Autor-Scooter« (3. Fernsehprogramm des SFB) den Fragen von Hellmuth Karasek [13](Der Spiegel) und Jürgen Tomm (SFB). Verfilmung von »Der Schneemann«.

Mai 1985

Elba; schreibt mit Dagobert Lindlau [14](Chefreporter des Bayrischen Rundfunks) ein Drehbuch für den Produzenten Thomas Schühly [15] (»Der Rattenschwanz«, zum Thema organisiertes Verbrechen in der BRD; nicht realisiert).

9.Juli 1985

Hannover; Heirat mit Gabriele Oßwald; Umzug nach München.

Herbst 1985

»Für sowas stirbt man nicht« mit Peter Bradatsch [16]: Drehbuch für den Pilotfilm einer geplanten Vorabend-Krimiserie im 3.Fernsehprogramm des Bayrischen Rundfunks. Der Roman »Das Schlangenmaul« erscheint bei Ullstein. Eintritt in die Redaktion der Zeitschrift TransAtlantik.

Februar 1986

Thailand; Recherchen über Drogenhandel im Goldenen Dreieck; Reportage für lui.

März 1986

Teilnahme an einer Fernsehdiskussion über Spionage (mit Ted Allbeury [17], Richard Meier [18], Jürgen Roland [19], Sebastian Cobler [20]); Hessischer Rundfunk.

Mai-Oktober 1986

Schreibt einen Krimi (»Kant«) als Fortsetzungsroman für die Zeitschrift Wiener.

November 1986

Begleitet Achim Reichel und Band auf einer Tournee durch Indonesien; Reportage für Stern.

Anfang 1987

Beginnt mit der Arbeit an einem neuen Roman (ausgehend von einer Reportage über deutsches Tourneetheater) für den Verlag Hoffmann und Campe.

17.Juli 1987

Tod in München.

Prosa

Romane

Berliner Zeit - Schlangenmaul - Rohstoff

Jörg Fauser hatte zwei Gesichter von Rolf Giesen©

Das Privatgesicht war etwas müde, suchend, völlig uneitel, beobachtend und immer interessiert, auch wenn der Mensch, der sich dahinter verbarg, gelegentlich einsilbig Leuten gegenüber auftrat, die er (noch) nicht kannte oder die ihm auf den ersten Blick zuwider waren. Aber der wache Blick in einem, wie es schien, schlaffen Körper hatte auch etwas leicht Spitzbübisches. Er lauerte scheu, aber der Verstand bohrte sich schnell in die Seele eines Menschen/Opfers und formte daraus, nein, karikierte einen Charakter. Jörg Fauser war eigentlich ein Karikaturist, den ich nie habe zeichnen sehen, der vielmehr schreibend karikierte. Er war ein glänzender Satiriker, nicht im Erfinden von Satire, sondern im Schildern von Realsatire: einer – und das zeichnete ihn aus –, der sich selbst nicht vor Angriffen seiner selbst verschonte. Seine mir liebste Kurzgeschichte/journalistische Arbeit erzählt von einem Besuch auf der damals noch volkseigenen Galopprennbahn Hoppegarten, wo er einen Wettgewinn machte, aber die wertvollen Devisen nicht „außer Landes“ bringen durfte und versoff, bis er nicht mehr saufen konnte.

Er hatte – wie es in der englischen Sprache hieß – stets a chip on his shoulders. Der Fehdehandschuh lag immer griffbereit. Er duellierte sich allerdings nur mit der Schreibmaschine. Auf diese Weise triumphierte er in jedem Duell – auch und vor allem gegen sein eigenes Spiegelbild. Die Schreibmaschine war, wie er sagte, sein Maschinengewehr. Maschinengewehre und Schreibmaschinen hämmern. Dieses Gefühl geht bei der Arbeit am Computer verloren: das Hämmern: tack-tack, tack-tack.

Als Kommunarde und Hausbesetzer sah er wohl auch mal wild aus. Ich selbst kann sein Äußeres leider (?) nur als unauffällig beschreiben. Er wollte wie Hammett und Chandler schreiben und sich nicht nur mit Kriminalromanen, sondern auch durch seinen Alkoholkonsum einreihen in die Liga dieser famosen trinkenden Schreiber bzw. schreibenden Trinker. Wenn er schrieb, war er nüchtern. Einmal besuchte er mit Compart (und mir) einen Berliner Comic-Club und traute seinen Augen nicht. Ich weiß noch, wie „Nazi-Erich“, ein stadtbekannter Schund&Schmutzschriftensammler, sturzbetrunken vom Hocker kippte und lallend am Kachelofen hockte: Da lag, was von „Großdeutschland“ übriggeblieben war. Fauser konnte, was er an dem Abend an Suff und Banalität erlebte, nicht fassen Er verdichtete es in einem Krimiclub und im Schlangenmaul, in dem manch Berliner Unzeitgenosse vorkommt: Typen Wiglaff den Zwerg, Mister Horror usw. gab es wirklich.

Schreibend habe ich ihn natürlich nie gesehen, redigierend, ja, beim Tip-Magazin, und trinkend, oft im Duo mit dem trinkfesteren Ullstein-Lektor und Freund Martin Compart, mit dem er um die Häuser zog. In Berlin, an der Ecke Pestalozzi-, Krumme Straße, frequentierten sie das Martini-Stübchen, das es heute nicht mehr gibt, ebenso wenig wie das merkwürdige West-Berlin, das zeitweilig ihr geliebt/gehasstes Zuhause war. Nur die zwergenhafte Berliner Lokal-Politik, deren Entscheidungen von wenig Ahnung getrübt sind, wird uns wohl alle überleben. Dass ein abgewähltes Mitglied des Abgeordnetenhauses einen Mord begeht und den Toten in einem Koffer durch halb Berlin schafft, das hätte selbst Fauser nicht geglaubt.

Trotzdem, richtig gute Krimi-Autoren waren die Deutschen wohl nie, Kriminarren ja. Und Täter, ja, sehr gute, „coole“ Täter. In der Krummen Straße, gegenüber der Deutschen Oper, hat ein Polizist Benno Ohnesorg erschossen. Jörg Fauser wohnte später im 13. Stock des Hochhauses über dem unheilvollen Parkplatz. Ich später übrigens auch, gleich nach der Wende. Die hat Jörg Fauser verpasst.

Einer der glänzendsten deutschen Nachkriegsautoren, der Mann, der Rohstoff geschrieben hat (Fauser unter türkischen Junkies, lange vor Erdogan) nach meiner Meinung sein bestes Buch, ist zu spät geboren und (ganz sicher) zu früh gestorben.

Ich bin mir nicht sicher, ob sie seine Bücher, hätte er die Nazizeit erlebt, verbrannt hätten, die braunen Gesellen, aber mit Oskar Maria Graf hätte er gewiss empört gerufen: Verbrennt mich! (Graf und Fauser habe ich immer gern gelesen. Beide waren nicht unbedingt die größten Plotter, aber die Menschen, die sie beschrieben, waren lebendig. Das waren keine Kunstfiguren, die durch den Wolf eines literarischen Wettbewerbs à la Klagenfurt gedreht waren, wo primär die Sprache zählte und nicht die Menschen, von denen sie erzählte. „Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Partyservice anfangen“, war seine Meinung.

Aber 1933 war Fauser noch nicht geplant. Das Kriegsende der selbsternannten Nibelungen hat er nicht bewusst erlebt. Da war er nicht mal zehn Monate alt. Und als sich Rest- und Rostdeutschland wieder zu einer nicht ganz großdeutschen Republik vereinigten und die Satire auf nationalem und internationalem Parkett einen Höhepunkt nach dem anderen hinlegte, da war er schon von einem LKW überfahren. Das war die Tragik seines Lebens: in einer brenzligen (der Kalte Krieg hätte ja jederzeit ganz schön heiß werden können), aber sonst recht drögen Zeit gelebt zu haben. Was er schreibend daraus gemacht hat, ist genial. Ich lege gerne jeden Grass und Walser (Kempowski vielleicht nicht) beiseite und nehme mir dann lieber einen Fauser-Text vor und genieße ihn wie einen von Charles Bukowski.

Was hätte er über Menschen geschrieben, die, von allen Seiten terroristisch bedroht, den totalen Überwachungsstaat freiwillig herbeirufen? Was über Surrogat-Menschen, die sich danach sehnen, virtuelle Uhrwerk-Orangen im Netz der Ballerspiele zu werden? Wie hätte er sich den Cyberkrieg von morgen vorgestellt? Würde er Heimarbeit zum Wohle von Facebook und Twitter machen? Wir werden es nicht erfahren, aber wir können es uns denken… Wie schön wäre es, wenn ein deutscher Literat in seinem Geiste und mit seiner Schreibe weitermachen würde. Das muss wohl ein frommer Wunsch bleiben…

Stories

Journalismus

Erinnerungen von Jürgen Ploog©

Zeit der Reisen

Trostloses Frankfurt, das war der erste Eintrag, den ich im Tagebuch fand, als ich nach meiner ersten Begegnung mit Jörg Fauser suchte. Ich habe meine Schwierigkeiten mit rückblickender Chronologie. Wie viele damals tauchte Fauser aus dem Nichts der Zeit auf, selten allein, & ich schätze, er war der einzige, der mein Klo ohne Hemmung in eine Schiessbude umfunktionierte. Tauchte auf, sagte Hallo & verschwand wieder…

Ein ruheloser Reisender… Er war 9 Jahre jünger als ich & hatte den Vorteil, seine Suche zu einem Lebensstil zu machen. Es waren die 60er Jahre, eine Epoche der Erschütterungen. Es war die Zeit der Parolen & politischen Sprüche. Sicher, man hörte sie, sie passten zum Zeitgeist, ohne sie ging es nicht. Aber es gab auch die grossen existenziellen Fragezeichen, das Infragestellen aller Fragen, & das war genau der Punkt, wo sich die Anderen trafen, jene die nicht auf Rettung durch Rationalität, Aufklärung, durch "Öffentlichkeitsarbeit" aus waren. Sicher, die Gesellschaft musste verändert werden, sie war die grosse Krankheit, die den einzelnen krank machte, aber am Wie & Wohin zerbrachen alle Formeln, besonders jene, die schlüssig klangen.

Es konnte kein Zufall sein, dass die Bücher von William Burroughs [21], vor allem sein berühmtes Naked Lunch als Katalysator diente für Leute, denen der Sturm auf die Bastille der Apparate & Institutionen nicht als der von allen Übeln erlösende Befreiungsakt erschien. Ein wenig permanenter, etwas umfassender sollte die Revolution schon sein…

Fauser hing an der Nadel. Er war unterwegs, bevor er sich auf die Reise machte. Er sass in Istanbul & erlebte die Hölle, die seiner inneren entsprach. Als er zurückkam, interessierte er sich für Cut-up, die von Brion Gysin [22] entdeckte & von Burroughs exzessiv weiter getriebene literarische Methode. Das war der Punkt, an dem sich unsere Wege kreuzten.

Fauser war kein euphorischer Ausprobierer. Das Experiment interessierte ihn, & er hat selbst damit gearbeitet (in seinem Bericht über die Abhängigkeit, Tophane), aber seine Erfahrungen hatten ihn auf das Handfeste ausgerichtet, nach langwierigen Entdeckerreisen war ihm nicht der Sinn. Man kann es auch anders sagen: Cut-up war nicht schlecht, um über die Hölle der Wirkungen von Opiaten zu berichten, aber kaum war Fauser mit Hilfe von Apomorphin (von dem er über Burroughs gehört hatte) über seine Abhängigkeit hinweg, passte der alkoholische (literarische) Stil von Bukowksi mehr zu seinem Lebensgefühl. Dieser Affinität verdanken wir einige der schönsten Kurzgeschichten der 70er Jahre. Das war die Zeit, als Fauser im Schmalen Handtuch in Bornheim herumhing & an seiner Lebensphilosophie zimmerte.

Fauser schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch & verschwand nach Berlin. Seine Versuche, als Schriftsteller Fuss zu fassen, hat er ausführlich in seinem autobiografischen Bericht ROHSTOFF beschrieben, ein Schlüsselwerk für das, was in den 60er & 70er Jahren jenseits des öffentlichen Raums passierte. In dieser Zeit waren wir uns so nah wie Brüder. Wir haben zusammen am Tonband experimentiert, haben jeweils eigene Texte miteinander verschnitten. Was fehlte, war ein Forum, diese Ergebnisse zu publizieren. In Göttingen fand sich in Udo Breger ein Verleger, der mit seinem Einmannbetrieb genug Mut aufbrachte, sich an eine Zeitschrift zu wagen, die Fauser, Carl Weissner & ich zusammenstellten. Wir trafen uns an einem Wochenende in Göttingen, schnipselten an den Beiträgen, klebten sie zusammen & gaben das druckfertige Layout Breger. Es war unser erstes gemeinsames Projekt & nannte sich UFO. Untertitel: Revolution durch Information. Später sollte noch ein anderes dazukommen, dem wir den Namen Gasolin 23 gaben, Zeitschrift für neueste Literatur. Es war die Zeit der little mags, & die Idee war, jedem, der glaubte, etwas zu sagen zu haben, jeder Gruppe, eine Plattform für spontane Aussagen zu verschaffen. UFO & Gasolin 23 mögen als Zeitschriften der Vergeblichkeit anheim gefallen sein, als Projekte, etwas gemeinsam zu machen, waren sie unersetzlich. Die Redaktionssitzungen arteten jedesmal zu Marathonsitzungen in brainstorming aus, es wurde getrunken, geraucht, zwischendurch eine Pizza verdrückt & Erfahrungen & Gehässigkeiten ausgetauscht, die sich vor allem gegen ein verbohrt & verspiessert empfundenes Establishment richteten. Die Illusion, dass alles vergebens war, möchte ich mir nicht leisten. Als Übung, die dem Augenblick entsprach, hat das Zeitschriftenmachen jedem von uns etwas gegeben & wenn nur, dass es Fauser einen nötigen Kick auf seinem Weg zum Schriftsteller gab. Irgendwie hat es ihn flügge gemacht.

Der Rest ist Literaturgeschichte. Fauser ging auf Tour, nach Berlin, später nach München, & wir haben uns aus den Augen verloren. Er hat Romane geschrieben & richtige Verlage gefunden, Verlage, die vielleicht nicht hielten, was sie versprachen, aber ohne die ein Schriftsteller eben nicht auskommen kann. An einem frühen Freitagmorgen im Jahr 1987, an seinem 43. Geburtstag, ist Jörg Fauser unter einen Lastwagen gekommen. Ein Umstand, der seine Parallele zum Tod eines anderen grossen Literaten der 60er Jahre hat: Rolf-Dieter Brinkmann [23].


Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien

{G = Gedicht, E = Erzählung, P = Kurzprosa, T = Textmontage (Cutup), C = “Caliban“-Kolumne, K = “Wie es euch gefällt“-Kolumne}

1. Frankfurter Hefte

Und was sind unsere Taten. (Rezension von Andreas Gryphius, »Gedichte«) - 11/1963

»An London« (G) - 7/1964

Des Lebens zorniger Muskel. (Rezension von Arthur Lundkvist, »Gedichte«) - 2/1965

Urphänomene? (Rezension von Walter Urbanek (Hrsg.), »Lyrische Signaturen«) - 3/1966

Das Nelkenblatt. (Rezension von Günter Eich, »Zu den Akten«) - 10/1966

Prinz von Theben. (Rezension von Else Lasker-Schüler, »Sämtliche Gedichte«) - 10/1967

Günter Eich: Prosa. (Rezension) - 1/1969

Dämonen in Eggiwil. (Rezension von E.Meyer, »Ein Reisender in Sachen Umsturz«) - 11/1972

Die Angst zwischen den Ängsten. (Rezension von Hans Frick, »Tagebuch einer Entziehung«) - 4/1974

Fader Geschmack. (Rezension von Rudolf Otto Wiemer (Hrsg.), bundesdeutsch: lyrik zur sache grammatik«) - 8/1975

Literatur unterm Strich, oder Fricks Angst (Rezension von Hans Frick, »Dannys Traum«) - 10/1975

Informationen fürs tägliche Überleben. (Rezension von Charles Bukowski, »Der Mann mit der Ledertasche« und »Gedichte die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang«) - 2/1976

Kontinuum der Trauer. (Rezension von Jürgen Becker, »Ende der Landschaftsmalerei«) - 6/1976


2. National-Zeitung, Basel (seit 1977: Basler Zeitung)

One-Way Ticket. (T) (Aus der Kassette »Junk City Express«) - 04.05.1974

Mord ist nicht gleich Mord. (Über Chester Himes) - 10.05.1974

Heiße Kartoffel. (Rezension von Charles Bukowski »Der Mann mit der Ledertasche« und »Gedichte die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang«) - 29.06.1974

Mord ist nicht gleich Mord. (Über Chester Himes) - 10.05.1974

Tod eines Anarchisten; Zehn Jahre später. (G) - 10.08.1974

Tanger. (P) - 05.07.1975

America. (G) - 19.07.1975

Agonie. (P) - 13.09.1975

Verhagelte Himbeeren (Über die Kriminalromane von Ross MacDonald) - 07.02.1976

Hemingways Hirn. (G) - 15.04.1976 = (Augenblicke der Vollkommenheit; in: »Trotzki, Goethe und das Glück«)

Reisen durch Amerika. (Pahrump Valley, Nevada, Los Angeles, Great Falls, Montana; mit zwei Gedichten: Stardust Motel, Hollywood; 604 Riverside Drive) - 23.10.1976

Immer ist irgendwo Los Angeles. (Über Raymond Chandler und seinen Detektiv Philip Marlowe) - 20.11.1976

Dashiell Hammett, der dünne Mann. (Zur Neuausgabe von Hammetts Werken im Diogenes Verlag) - 24.12.1976

Die Visionen vor dem Tod. (Über Begegnungen mit Charles Bukowski, Charles Plymell und anderen amerikanischen Autoren) - 05.02.1977

Pantopon Rose. (G) - 04.02.1978

Amerikanische Alternativpoesie. (Über die Anthologie »Terpentin on the rocks«, hrsg. von Carl Weissner und Charles Bukowski) - 20.05.1978

Liebesbriefe; Gedicht für den Regen; White Heat. (G) - 17.02.1979

Der dunkle Ort. (Über den Schriftsteller Karl Günther Hufnagel) - 29.12.1979


3.Tip, Literaturtip (Berlin)

Hommage an Hans Frick. (Auch in: »Blues für Blondinen«) - 14/1979

Apropos Helden. (Rezension von Charles Bukowski, »Western Avenue«) - 18/1979

Krieg der Freaks. (Über Michael Herrs Vietnam-Reportage »Dispatches/An die Hölle verraten«) - 20/1979

Radio

Frank Göhre© über Jörg Fauser

Jörg Fauser, geboren 1944 in Bad Schwalbach/Taunus, der Geschäftsmann:

„Heute weiß ich natürlich, dass es nicht genügt, so gut und so aufrichtig zu schreiben, wie man unter Anspannung aller Kräfte vermag, man muss, will man davon leben, das Geschriebene auch verkaufen.“

Für eine Anthologie-Seite gab es maximal einen Zwanziger, für einen Hörfunk-Magazin-Beitrag konnte man bis zu Fünfhundert einsacken, und die „Münze“, so Fauser, für ein 45/50-Minuten Hörspiel war Dreitausend.

Die Rede ist von DM, von Autorenhonoraren in den Siebziger Jahren und von der Schreibarbeit des sich allmählich etablierenden Autors Jörg Fauser. Er hat als Aushilfsangestellter, Nachtwächter und Flughafenarbeiter gejobbt.

Um aber als Freischaffender einigermaßen über die Runden zu kommen, musste man schon eine Menge Wörter in die Schreibmaschine hacken. Die Printmedien allein brachten es nicht, für die Szene-Publikationen schrieb man ohnehin für nothing, und um die Sender von Radio Bremen bis WDR kontinuierlich zu beliefern hieß es, ein breites Angebot an Themen im Koffer zu haben und als Reisender unterwegs zu sein: „ … fahr ich selbst morgen nach Wien, kurz, um mal festzustellen, unter anderem, ob man da nicht auch im Radio mal Texte lesen kann.“

Der 22jährige Fauser fasste mit einem Bericht über seine Arbeit als Pfleger in einem Londoner Siechenheim beim Hessischen Rundfunk Fuß, realisierte Mitte der Siebziger Jahre im seinerzeit von CDU- und auch SPD-Politikern als „Rotfunk“ diffamierten WDR schräge Musik-O-Ton-Collagen für die „Radiothek“ und schrieb für den Sender auch sein erstes dokumentarisches Hörspiel „Café Nirwana - Bilder einer Krankheit“, gesprochen u.a. von seinen Cut-up-Kollegen Jürgen Ploog und Carl Weissner. Mit ihnen gab er auch schon zwei Underground-Literaturzeitschriften heraus.

Er schrieb Rezensionen über die Lyriker Andreas Gryphius, Else Lasker-Schüler und Günther Eich, interviewte später Günter Grass, begleitete den Ex-Rattles Achim Reichel auf seiner Tour durch Indonesien und ging mit Detlef B. Blettenberg auf Recherche über den Drogenhandel in Thailands Goldenem Dreieck. Er übersetzte eine James Dean- und eine Joan Baez Biografie und etliche Rolling Stones Songs.

Von Anfang 1974 bis Ende 1979 konnte er regelmäßig Porträts und Reisereportagen in der „Basler Nationalzeitung“ veröffentlichen. Dafür gab es, je nach Umfang, zwischen 1200 und 1500 Franken. In den ersten Jahren kam er so auf einen jährlichen Bruttoverdienst von Zwölf- bis Fünfzehntausend DM.

Vor allem aber hatte er die Freiheit, über das zu schreiben, was ihm unter die Haut ging und wo er sich positioniert sah: „Ich glaube, dass ein Großstadtschriftsteller immer auf der Seite der Habenichts zu sein hat.“

So entstanden großartige Texte über Autoren, in deren Leben und Leiden er sich wiedergespiegelt sah. Und das waren der Junkie Hans Fallada, der „böse, besoffen, aber gescheit(e)“ Joseph Roth, der Rennbahnzocker Charles Bukowski und all die Asphaltpoeten, deren „Schreibe so gut saß, wie ein gezielter Faustschlag.“ Krimiautoren wie Hammett, Chandler und Chester Himes also, Eric Ambler und Ross Thomas.

Paralell zu diesen essayistischen Arbeiten – zusammen genommen eine kleine Literaturgeschichte der Vergessenen und/oder an den Rand Gedrängten – schrieb Fauser seine eigenen Stories über die Dauergäste in Eckkneipen und Trinkhallen, die Bewohner von Randzonen. Obwohl inzwischen ordentlich und auch regelmäßig bezahlter Kolumnist und assoziierter Redakteur des Berliner Stadtmaganzins „Tip“ und später Redakteur bei dem von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Journal für Luxus und Moden „TransAtlantik“ resümierte er: „Eine gute Erzählung ist mehr wert als 1000 Seiten ‚Tip‘ oder ‚Spiegel‘, aber das begreifen deren Verleger nie.“ Erst Jahre nach seinem Tod am 17. Juli 1987 brachte das Gesamtwerk des Autors, der zeitlebens „keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand“ erhalten hatte, einiges an Knatter, an Kohle oder auch Münze. Okay, so ist es mitunter in dem Geschäft.

Lyrik

Songtexte

Werk

Bibliographie

• Aqualunge

Ein Report von Jörg Fauser. Göttingen: Verlag Udo Breger, 1971.

• Tophane

Gersthofen. Maro Verlag, 1972.

• Die Harry Gelb Story

Gersthofen: Maro Verlag, 1973.

Heerhugowaard/Niederlande: Giftzwerg Presse, 1979.

Augsburg: Maro Verlag, 1985 (Neuausgabe, erweitert um den Text »All you need is Istanbul« aus Gasolin 23, Nr. 3)

• Open End

Fünf Gedichte (Der alte Mann und die See; Krähen; Metzgerei; Geschichte von der riesigen Finnin; Novembernacht) mit Radierungen von Uli Kasten, Josef Steiner und Klaus Seitz. (Limitierte Auflage von 30 Exemplaren) München: King Kong Press, 1977

• Marlon Brando. Der versilberte Rebell.

München: Verlag Monika Nüchtern, 1978.

Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag (rororo 4672), 1981.

Frankfurt/M.,Berlin, Wien: Verlag Ullstein (Ullstein Taschenbuch Nr. 36524), 1986.

• Der Strand der Städte.

Berlin: VerlagEduard Jakobsohn, 1978.

Basel: Verlag Nachtmaschine, 1985.

• Alles wird gut.

München: Rogner & Bernhard, 1979

Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag (Fischer Taschenbuch Nr. 5075), 1982.

• Requiem für einen Goldfisch.

Basel: Verlag Nachtmaschine, 1979.

• Trotzki, Goethe und das Glück.

München: Rogner & Bernhard, 1979.

• Der Schneemann.

München: Rogner & Bernhard, 1981.

Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag (rororo 5081), 1983.

• Mann und Maus.

München: Rogner & Bernhard, 1982.

• Blues für Blondinen.

Frankfurt/M., Berlin, Wien: Verlag Ullstein (Ullstein Taschenbuch Nr. 26504), 1984.

• Rohstoff.

Frankfurt/M., Berlin, Wien: Verlag Ullstein, 1985.

Gütersloh: Bertelsmann Lesering, o.J.

Ullstein Taschenbuch Nr. 22027, 1988.

• Das Schlangenmaul.

Frankfurt/M., Berlin, Wien: Verlag Ullstein, 1985.

• Kant.

München: Wilhelm Heyne Verlag (Heyne Szene 18/62), 1987.

Filme

Theater

Sekundäres und Dokumentationen

Michael Köhlmeiers© Rede zur Eröffnung des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs (2013)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren, eigentlich wollte ich an den Schriftsteller Jörg Fauser erinnern, der vor dreißig Jahren hier gelesen hat. Ich wollte darauf hinweisen, dass seine Romane, Essays, Erzählungen, Aufsätze und Gedichte in liebevoll und sorgfältig editierten Werkausgaben erhältlich sind, einer schon älteren bei Rogner & Bernhard, einzeln im Berliner Alexander Verlag und in einer Kassette zu neun Bänden im Züricher Diogenes Verlag – eine verlegerische Ehre, die keinem anderen Autor, der je beim Bachmann- Wettbewerb gelesen hat, zuteil wurde.

Davon wollte ich eigentlich sprechen. Ich wollte wiederholen, was so viele vor mir gesagt haben: dass Jörg Fauser ein Kultautor ist; und wollte erklären, was ich darunter verstehe, nämlich einen Dichter, dessen Wirkmächtigkeit in Werk und Leben ihren Ausdruck findet, der also doppelte Verehrung erfährt – einmal für das, was er schreibt, und dann noch dafür, wie er lebt.

Und, meine Damen und Herren, ich wollte ein wenig von Jörg Fausers Glanz auf mich lenken und erzählen, dass wir uns vor dreißig Jahren hier in Klagenfurt kennen gelernt und befreundet haben, dass wir einander Briefe geschrieben, einander besucht, dass wir einander verstanden haben.

Und eigentlich wollte ich dann auch berichten, dass ich vor wenigen Tagen Gast im deutschen Literaturarchiv in Marbach war und mich dort mit einem der Herausgeber der Werke von Jörg Fauser getroffen habe; dass wir bei 38 Grad an der Erdoberfläche im kühlen Keller des Instituts saßen, mitten im Archiv des Suhrkamp Verlags, das hier unten im Bunker vor der Zerstörung oben bewahrt wird, dass sich einige Besucher zu uns gesellten, Studenten, Literaturwissenschaftler und Literaturliebhaber, und dass wir uns über Jörg Fauser unterhielten, eben über seine unvergleichliche Art zu leben und schreiben – und über seinen Tod.

Davon hatte ich Ihnen eigentlich erzählen wollen. Ja, auch über Jörg Fausers Tod am 17. Juli 1987, in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, wollte ich Gedanken anstellen; als er, wie es in den Nachrichten hieß, betrunken auf der Autobahn spazieren ging und von einem LKW niedergefahren wurde. Ich wollte Ihnen, meine Damen und Herren, berichten, dass einer der Anwesenden im Keller des Marbacher Literaturarchivs von begründeten Zweifeln an dieser Version wusste. Fauser habe zu jener Zeit, sagte der Mann und senkte sogar im Keller die Stimme, über die Verbindung zwischen deutscher Drogenmaffia und deutscher Politik und Wirtschaft recherchiert, habe noch in der Nacht drei Typen getroffen, die ihn zu einem Gewährsmann bringen wollten und sei auf der Autobahn aus dem Wagen gestoßen worden – ein Tod, wie er zu einer von Fausers Figuren gepasst hätte.

Eigentlich aber, meine Damen und Herren, wollte ich meinen Vortrag nützen, um Sie dafür zu begeistern, Jörg Fauser zu lesen oder wieder zu lesen, so wie ich es getan habe.

Zum Beispiel diesen in jeder Hinsicht vorbildlichen Text aus dem Jahr 1979, in dem er von einem Besuch in der Stadt Berlin erzählt, durch die sich damals noch bis in alle Ewigkeit eine Mauer wand; ein Text, den wir mit gleichem Recht eine Reportage, einen Essay oder eine Erzählung nennen dürfen – ein literarisches Wunder, wie ich meine, denn obwohl die Welt, die hier beschrieben wird, längst untergegangen ist, atmet der Bericht eine zeitlose Frische; als wäre das heutige Berlin, das sich einer Konfektionsallerweltstadt anzunähern droht, das alte, und das alte wäre das neue. Die Wirklichkeit des bis in alle Ewigkeit langen Nachkriegs wird in diesem Text – und das ohne Absicht des Autors – zur Metapher und weist über ihre Zeit hinaus und reicht auch über unsere Zeit hinaus und reicht zugleich weit zurück, Thukydides hätte in Jörg Fauser einen nachfahrenden Bruder erkannt.

Und, meine Damen und Herren, wäre alles so geblieben, wie es vor zwei Monaten war, als mir Horst Ebner, der Organisator der Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Landesstudio Kärnten, den Auftrag erteilte, hier zu Ihnen zu sprechen, dann hätte ich die wenige Zeit, die er mir gab, genützt, Sie auch auf Jörg Fausers Roman Rohstoff hinzuweisen; und ich hätte es mit der lässigen Gewissheit getan, wenn Sie die ersten Seiten erst gelesen haben, Sie das Buch in Ihrer Reichweite behalten wollen, bis Sie an seinem Ende angelangt sind – ein Buch, in dem der Autor eine radikale, gefährliche und gefährdete Jugend in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschreibt; ein Roman, der in nichts verwandt ist mit den langweiligen, sicher bei ihrem Erscheinen irgendwie interessanten, aber heute eben doch stink-stink- langweiligen Romanen aus den deutschen Groß- und Mittelschriftstellereien ähnlichen Datums; der aber auch nicht verwandt ist mit der altbackenen Avantgarde österreichischer Provenienz – dafür verwandt ist mit Huckleberry Finn oder den heißen Erzählungen von William Faulkner oder den Verknappungen eines Dashill Hammett oder den Reportagen von Joseph Roth.

Ja, meine Damen und Herren, wenn alles gleich geblieben wäre wie noch vor zwei Wochen, dann hätte ich Ihnen von diesem bewunderten, bestaunten Autor erzählt, dessen Ruf gleichermaßen seinem Werk wie einer radikalen Art zu leben gilt, die er wie kein anderer in Deutschland repräsentierte.

Und: Ich hätte Ihnen erzählt, wie er vor dem Klagenfurter Literaturgerichtshof aufgetreten – und von den Richtern verrissen worden war wie kein anderer vor ihm und kein anderer nach ihm; und dass der Verriss in Wahrheit gar nicht seinen Text, sondern seine Person gemeint hatte.

An dieser Stelle, meine Damen und Herren, hätte ich eine Pause gelassen, hätte Luft geholt und mit ihr meinen alten Zorn. Ich hätte mich daran erinnert, wie Jörg Fauser im Publikumsstudio des Funkhauses in Klagenfurt der Literaturkritik in ihrer hinterhältigsten und erbärmlichsten Gestalt begegnet war. Ich hätte wieder und wieder behauptet, Fauser wäre verrissen worden, egal, was er gelesen hätte, denn die Richter hätten ihm nicht verzeihen können, wie er war. Aus seinen Blicken, aus seinen Gesten – wie er zum Podium ging, jeden Schritt wie ein Statement setzend, während die Richter ungeduldig wurden, wie er auf der Anklagebank platznahm, wie er unter halb geschlossenen Lidern vor sich ins Leere blickte – aus all dem, so hätte ich mich erinnert und hätte Ihnen davon erzählt, war zu lesen: Ich brauche euch nicht. An mir gibt es für euch nichts zu entdecken. Ihr könnt euch nicht zu meinen Mentoren aufwerfen. Ich fürchte mich vor euch nicht, ich respektiere euch nicht, ich gebe euch ins nichts nach.

Ich hätte von Marcel Reich-Ranicki erzählt, der die Stimmung in der Jury auf den Punkt brachte, als er sagte: „Dieser Autor hat hier nichts verloren!“

Mit einem Gruseln hätte ich auch die anderen Juroren erwähnt, die ihrem Herrn und Meister mit Inbrunst nachbellten. Ein Großteil des Publikums greinte, und wenn es etwas zu wiehern gab, wieherte es – so hätte ich mich ausgedrückt, und dass ich selten etwas Widerlicheres erlebt habe. Dem Pöbel saßen die Pöbelartigen vor. Ich hätte Ihnen, meine Damen und Herren, von den Gedanken berichtet, die mir damals durch den Kopf galoppiert waren: dass gleich einer aus der Jury aufstehen wird, der ehrenwerte Walter Jens zum Beispiel oder die ähnlich ehrenwerte Gertrud Fussenegger oder der gemütlich rundliche Peter Härtling oder sonst jemand, und dass er dem Jörg Fauser ins Gesicht schreit: Weine endlich! Wie es Karin Struck vor dir getan hat! Zeig uns, dass es weh tut! Schließlich ist das Fernsehen da! Vielleicht verzeihen wir dir dann, wie du bist!

Und die Autorenkollegen? – Die meisten hatten ja kritikermundgerechte Happen vorbereitet, die brauchten kein Pulver mehr, die hatten schon; „Knallfroschprosa“, wie der ehemalige Juror Peter von Matt dazu sagte. Die Autorenkollegen, bis auf wenige, wollten nicht zusammen mit dem da gesehen werden.

Wenn sie allesamt, Kritiker und Autoren, übereinander gestapelt, auf seine Schulter gestellt worden wären, sie hätten dem Jörg Fauser nicht bis zum Kinn gereicht.

Davon hätte ich eigentlich gern erzählt, ja. Und dass sich Jörg Fauser von diesem Tag an nicht mehr Schriftsteller nannte. Er wisse mit dem Begriff nichts anzufangen, sagte er in einer Talkshow im Fernsehen. Er sei Geschäftsmann. Er war anders als wir. Ganz anders. Das stimmt schon.

Dass er sogar anders war, als seine Fans meinten und meinen, auch davon hätte ich Ihnen gern erzählt. Dass er nicht „cool“ war. Dass ihn die Gehässigkeiten von Reich-Ranicki und Konsorten in Wahrheit tief verletzt hatten. Der größte Schmerz: dass sie ihn an der Liebe seines Lebens hatten zweifeln lassen.

Das Schreiben war die Liebe seines Lebens. Er hatte sich immer darauf verlassen, dass seine Liebe erwidert wird. Eigentlich gehört es sich nicht, dass ich das hier erzähle und damit womöglich das zynische Grinsen der neuen Richter aufreize.

„Klagenfurt – das ist nicht ein Fest der Literatur“, hatte Jörg Fauser geurteilt, „das ist ein Fest der Literaturkritik.“ Ein Fest – möchte ich hinzufügen –, bei dem die Autoren die Rolle der Sektgläser spielen. Irgendwann, sagte er, werden uns die Kritiker nicht mehr brauchen, sie werden über Bücher reden, die es gar nicht gibt, sie werden Autoren verreißen und bejubeln, die es gar nicht gibt. Sie werden sich gegenseitig einen Preis stiften – Kritiker eins sitzt in der Jury, Kritiker zwei kriegt den Preis, Kritiker drei spricht die Laudatio.

Er hielt es für möglich, dass ihn seine Liebe betrügt. Er fürchtete, dass sie ihn von allem Anfang an betrogen hat. Das war seine Verzweiflung. Er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt. Aufs Spielen. Schreiben ist Spielen. Kann man spielen bis zum Ende? Und jederzeit innehalten und sagen, ich lebe? Und am Ende Rückschau halten und sagen, mein Leben war Spielen, und damit meinen, zu Ernsthafterem sei der Mensch nicht fähig?

Dem Zyniker applaudiert der Pöbel. Der Zyniker geht nach der Veranstaltung nach Hause, seift sich die Schminke ab und berichtet seinem Spiegelbild: Ich war wichtig, ich war sogar noch wichtiger. – Aber was, wenn der Zyniker Recht hat? Und wenn dieses Recht auch nur darin besteht, dass es sich ohne den göttlichen Funken, der in jeder Kunst glost, leichter, cooler leben lässt? Weil es allein schon peinlich ist, an diesen göttlichen Funken zu glauben. Und am peinlichsten ist, von ihm zu sprechen. Und ein Skandal gar ist, von ihm in aller Öffentlichkeit zu sprechen.

Das alles hätte ich eigentlich sagen wollen. Vielleicht hätte ich die letzten Zeilen gestrichen, weil ich mich geschämt und mich nicht getraut hätte, sie vorzulesen. Ich weiß nicht. Aber dann ist einiges passiert, und ich wurde gezwungen, etwas anderes zu sagen.

Erst hat der Direktor des ORF Landesstudios Vorarlberg Befehl gegeben, die Rundfunkbibliothek auszuräumen; er selbst hat Hand angelegt und die Bücher in einen mit Geldern des ORF gemieteten Container geworfen. – Der Direktor einer Anstalt, die gesetzlich verpflichtet ist, einen Kulturauftrag zu erfüllen, verwendet einen Teil seiner Arbeitszeit und einen Teil der Rundfunkgebühren dafür, Bücher in einen Container zu werfen, um sie der Vernichtung zuzuführen. – Man brauchte Platz. Dabei stehen so viele Wände einfach als Wände da. Bücherregale tragen doch nicht mehr auf als höchstens fünfundzwanzig Zentimeter, das ist nachgerade einer der Vorteile von Geist in dieser Form.

Und da kam auch schon eine nächste Meldung herein: Alexander Wrabetz, der Generaldirektor des ORF, beendet den Bachmann-Wettbewerb, indem er sich auf das Kerngeschäft des ORF besinnt.

Diese Meldung hat einen Strich durch meine Rede gemacht. Und schon spielte mein Handy seinen Blues, eine Journalistin war dran und wollte wissen, mit welchen Worten ich es dem ORF hineinsage ... und der nächste Anruf, diesmal von der APA ... und schon wieder einer ... und schon wieder einer ... Ich bekam die rote Fahne in die Hand gedrückt – wie der Tramp in Chaplins Modern Times. Nach einer Nacht Nachdenken habe ich mich schließlich dazu durchgerungen, mich in den Schulterschluss von Autoren und Kritikern und allen anderen anständigen Kulturschaffenden und Kulturinteressierten einzuklemmen, auch auf die Gefahr, meine Nase einem unangenehmen Achselgeruch auszusetzen. In der Not werden eben Opfer verlangt.

Also leiste ich meinen „Gewissensdienst“ und protestiere so heftig ich nur kann gegen die Abmurksung des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs und verspreche, alles mir Mögliche zu unternehmen, damit die Abmurkser namentlich und für lange, lange Zeit in Erinnerung bleiben.

Und ich bitte Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr verehrte Damen und Herren, ein Gleiches zu tun – vor allem aber: Jörg Fauser nicht zu vergessen.